Gastbeitrag: Blockchain FOMO im deutschen Energiesektor

In der vergangenen Woche veröffentlichte die Deutsche Energie-Agentur und die ESMT European School of Management and Technology ”eine Umfrage unter Führungskräften der deutschen Energiewirtschaft" zu Blockchain in der Energiewende. Sie enthält eine interessante Kombination aus eher zurückhaltenden Analyse-Konklusionen der Studie, gegenüber überraschend großer Blockchain-Aktivität unter den Befragten. (FOMO? hier mehr dazu)

Blockchain? So ein Ding müssen wir auch haben!

Von den 70 befragten Führungskräften in der deutschen Energiewirtschaft haben 69 Prozent schon mal von Blockchain gehört. 52 Prozent haben Blockchain-Aktivitäten geplant oder sogar schon durchgeführt. Unter der Annahme, dass man Aktivitäten nur durchführen kann, wenn man schon mal von der Technologie gehört hat, beträgt die bedingte Wahrscheinlichkeit, im Blockchain-Bereich aktiv zu sein, wenn man von der Technologie schon mal gehört hat, ganze 75 Prozent! Allerdings werden ”Analyse und Beobachtung” oder ”Teilnahme an Fortbildungen” auch als Aktivitäten gezählt. Eine detailliertere Aufschlüsselung hätte der Umfrage mehr Aussagekraft gegeben.

Nach ihrer Einschätzung zu zukünftigen Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain-Technologie im Energiebereich befragt, antworteten 81 Prozent der Befragten, dass ”eine weitere Verbreitung wahrscheinlich ist” oder dass Blockchain ein ”Game-Changer für die Energiewirtschaft” ist – das sind also mehr, als die, die schon mal was von Blockchain gehört haben! Ein eindeutiges Indiz für Fear Of Missing Out - die Angst, was zu verpassen. (Gerechterweise verweisen die Autoren darauf, dass nicht alle Teilnehmer alle Fragen beantwortet haben.)

Trotz dieses Bildes einer überaus aktiven Branche bildet die dena/ESMT-Studie in gewisser Weise einen Gegenpol zur Studie der Verbraucherzentrale NRW, die diesen Sommer veröffentlicht wurde und über die ich im August-Blogpost berichtete. Obwohl diese erste deutschsprachige Studie zu Energie & Blockchain vielleicht maßgeblich die deutsche Debatte angestoßen und so zur Wissensgrundlage unter den Befragten beigetragen hat, stehen die Konklusionen der dena/ESMT-Studie im starken Kontrast zu denen der Verbraucherzentrale NRW.

So steht in der Zusammenfassung der dena/ESMT-Umfrage, dass ”das Kostensenkungspotential von Blockchain-Anwendungen für die Energiewende begrenzt ist.” (S. 5), und aus den Empfehlungen geht hervor, dass ”der mögliche Beitrag der Blockchain zum Gelingen der Energiewende 2.0 und zur Transformation der globalen Energieversorgungsstrukturen, basierend auf heutigen Erkenntnissen, allein nicht überschätzt werden” (S. 27) sollte. Es ist nicht klar, wie diese zurückhaltenden Konklusionen sich von den Umfrageergebnissen herleiten lassen.

Prozessoptimierung vs. Plattform-Anwendungen

Die dena/ESMT-Studie veranschaulicht mit der Strukturierung der Umfrage-Antworten eine zentrale Dichotomie in der Anwendung von Blockchain-Lösungen. Wie ich auch in meinem Blogpost „Der disruptive Prosumer auf der Blockchain“ im August beschrieben habe, gibt es zwei grundsätzlich unterschiedliche Innovationen, die durch Blockchain-Technologie ermöglicht werden: Disruptive Innovation und Prozessinnovation.

Die dena/ESMT-Studie spricht von Plattform- und Prozessanwendungen und schreibt dazu: „Nach zukünftigen Anwendungsbereichen der Blockchain-Technologie befragt, fallen rund die Hälfte der Anwendungen in den Bereich öffentliche und private Handelsplattformen, insbesondere Peer-to-Peer Handel und dezentrale Energieerzeugung, während die andere Hälfte der genannten potenziellen Anwendungen unter dem Begriff ”Prozessoptimierung zusammengefasst werden kann.”

image Legende: „Die Größe jedes Kreises entspricht dabei der Anzahl der jeweiligen Antworten. Die Farbgebung reicht von Weiß („kein oder kaum abbildbares Potenzial“ bis Schwarz („Game-Changer“).

Was denken die Vorreiter der Energiewende über Blockchain?

„Peer-to-peer Handel“ und „Handelsplattformen“ sind zusammen 43-mal als mögliche Anwendungsfälle von den Befragten erwähnt worden. Damit sind die disruptiven Geschäftsmodelle im Fokus der deutschen Energiewirtschaft. Interessant ist, dass dies gilt, obwohl die Nutznießer solcher Lösungen in der Umfrage kaum vorkommen. Bei der Umfrage machten ”alternative Erzeuger nach EEG” aber nur acht Prozent der befragten aus. Gerade dezentrale Lösungen im regionalen Rahmen bieten aber ein großes Potential für Blockchain-Anwendungen. In der Studie wird dieses Potential auch erkannt: ”In Inselnetzen, beispielsweise Gewerbeparks oder autonomen Energiekommunen, kann Blockchain zum vorherrschenden Design werden” (S. 25).

Was denken die (von der Umfrage erwähnten, aber nicht befragten) Eigentümer und Betreiber der rund 1,5 Millionen Solaranlagen, 9000 Biogasanlagen (in der dena/ESMT-Publikation fälschlicherweise Biomasse-Kraftwerke genannt), und der 26.000 Windenergieanlagen über die Technologie? Wie stehen die 100 % erneuerbare Energie-Regionen, die Bioenergiedörfer und die Teilnehmer der solaren Bundesliga zum Potential der Blockchain-Technologie? Das wäre interessant herauszufinden. So wie sie die Vorreiter der Energiewende waren, könnten sie auch in diesem nächsten, digitalen Schritt zum Zuge kommen. Obwohl ein Schwein nicht allein vom Wiegen fett wird; es gibt hier großes Potential, das noch nicht einmal vermessen ist.

Wir danken Kirsten Hasberg, Volkswirtin, Energieexpertin des BlockchainHub Berlin und Dozentin an der IT-Universität Kopenhagen, für diesen Gastbeitrag.