Erneut ein historischer Moment: Solare Dachanlage schlägt Marktpreis

Die Stärke der Solartechnik produziert gegenwärtig historische Momente in Serie - global wie national. Nun ist es eine deutsche Dachanlage, die den solaren Marktpreis an der bekanntermaßen auch weiterhin fossil/nuklear brutal verzerrten Strombörse geschlagen hat.

MaxSolar hat auf der Pirelli- Europazentrale in Dieburg eine 6,5 MWp-Dachanlage errichtet - auf einem Verteilzentrum mit hohem flachen Dach zwar eine komplexe Anlage, die aber dennoch seit ihrer Inbetriebnahme mehrfach den Marktpreis unterboten hat. Und gleichzeitig die erste große Dachanlage, die im Rahmen der Solarausschreibungen ans Netz ging.

Die Betreiber haben den Zuschlagswert der Anlage nicht veröffentlicht, sprechen aber eindeutig von einem Betrag im Rahmen der Marktwerte Solar im Winterhalbjahr 2018/2019. Während unserer PPA- Veranstaltung mit Conexio und Vattenfall am 26.2.2019 ging der Geschäftsführer von MaxSolar, Christoph Strasser, noch einen Schritt weiter: Er kündigte Energieabgabepreise von solchen Anlagen zwischen 3,8 und 4,8 Cent/kWh an!

Wie eine Seifenblase ist so einmal mehr ein Mantra der „reinen EEG-Gemeinde“ zerplatzt: Das Mantra lautet „Solare Dachanlagen können bei Ausschreibungen nicht mithalten, Ausschreibungen sind für sie ungeeignet“. Können sie offenkundig schon -und glaubt man MaxSolar, können Dachanlagen durchaus auch in der PPA-Welt mitspielen. Heute, und in Deutschland. Was für ein Schritt nach vorne!

Ist das nun ein Modell für den gesamten Markt von mittelgroßen und großen Dachanlagen? Sicher noch nicht, aber es ist zumindest ein weiterer Beleg dafür, dass auch mittelgroße und große Dachanlagen keine Ausschreibungen zu fürchten brauchen. Am Besten wenn man deren Bedingungen einmal selbst vorschlägt und sie als separates Ausschreibungsgefäß neben die Freilandausschreibungen stellt. Vielleicht noch nach Alt- und Neubau differenziert. Der Vorschlag ist nicht neu, die Anlage in Dieburg real, und dennoch traut sich die Branchenvertretung der Solarwirtschaft nicht mal, eindeutig neue Vorschläge vorzulegen. Vor lauter Angst, beim Wort genommen zu werden. Als ob diese Haltung seit 2008 irgendwas nach vorne gebracht hätte. Und somit wird das rote Tuch „Parlamentarisch festgelegte Vergütung“ auch weiterhin nicht zur Seite gelegt. EuGH-Urteil hin- oder her. Die politische Realität ist eine andere, die starken Solarunternehmen sind auch andere. Und diese starken Unternehmen sollten nach den brandaktuellen Beschlüssen der GROKO „Ebenso soll die Bundesregierung in diesem Zusammenhang die Handlungsspielräume für das EEG nutzen, die sich aus der Entscheidung des EuGH vom 28. März 2019 ergeben“ nun noch massiver fordern „Weg mit dem 52 GWp Förderdeckel im EEG“, verbunden mit eigenen Vorschlägen.

Und wie im letzten blog beschrieben, darf der Streit um die Höhe der Vergütung nicht länger alle anderen Themenkreise verdrängen, die mittlerweile die dominanten Probleme darstellen.

Ein Dachausschreibung hätte auch große Vorteile bei allen bestehenden Ängsten: Die Betreiber hätten plötzlich 24 Monate Sicherheit, die geplante Vergütung auch zu erhalten - beim heutigen EEG-Mechanismus bis 750 kWp wird ja munter etwas geändert, und die Werte reagieren viel zu langsam auf Marktveränderungen und etwa höhere Bauanforderungen der Dächer. Separat vom Freiland könnte dann auch ein „Marktpreis“ für alte und neue Dächer entstehen, der eben z.B. die Notwendigkeiten von Dachertüchtigungen oder Sanierungen richtig einpreist und nicht so tut, als gäbe es diese nicht. Man könnte auch einmal eine großvolumige Innovationsausschreibung für Fassaden, etc. anstrengen, damit den Teufelskreis aus Produkten und Verfahren mit zu kleinen Mengen und hohen Preisen auch hier gezielt durchbrechen und die bestehenden Potenziale auch nutzen. Denn wir brauchen alle Dächer, Fassaden und taugliche bauliche Anlagen, um Deutschland vollständig mit Solar- und Windstrom zu versorgen. Ohne die absolut unrealistischen Träume von Stromimporten von sonstwo her. Also Mengen hoch! Das kann man alles wettbewerblich organisieren, die innovativen Solarunternehmen kriegen das hin. Und auch die innovativen Genossenschaften, was ebenfalls Christoph Strasser von MaxSolar mit der „EnergieGenossenschaft Inn-Salzach eG (EGIS eG)“ zeigt.

Sicher brennt dem einen oder der anderen die Frage nach dem Eigenverbrauch auf den Nägeln. Und da sind wir dann sofort weg vom EEG im Energiewirtschaftsgesetz und vielen weiteren Regeln. Also diskutieren wir dafür doch z.B. ein modernes Net Metering (mit solidarischer Beteiligung an der Infrastruktur Netz) und ein solares Beschleunigungsgesetz für alle anderen Themen rund um den Bau an und in der Nähe von Gebäuden und baulichen Anlagen. Und dabei u.a. den Umgang mit dem Denkmalschutz, der noch immer praktizierten Abwertung von Gebäuden mit Solaranlagen durch manche Banken (kein Scherz, auch 2019) oder schnellen Klärungen von Widersprüchen mit der EnEV, dem Baurecht, usw.

Die Kraft ist da - also lasst uns rausfahren aus der Sackgasse von Kämpfen der Nullerjahre. Diese sind gewonnen, dank des großen politischen Muts von Menschen wie Hans- Josef Fell und dem viel zu früh gestorbenen Hermann Scheer. Solar ist die billigste, flexibelste und naturfreundlichste Energiequelle in Deutschland. Mit den immer billiger werdenden Speichern und gemeinsam mit der Windenergie kann sie alles darstellen, was ein Energiesystem braucht. Dafür müssen wir aber immer mehr im System denken und nicht in 10,5 oder 8,9 Cent/kWh Einspeisevergütung. Denn diese Schlacht ist gewonnen. Die vielen noch kommenden werden schwerer, längerwierig und komplexer. Sie erfordern andere Ansätze und ein anderes Verhalten von uns. Packen wir es an.

Karl-Heinz Remmers
03. Apr 2019