Blockchain- das erste Stadtwerk startet Anwendung einer „echten“ Blockchain

Am 5.10.2016 war ich bei einer Büroeinweihung von KIC Inno Energy im Berliner EUREF-Campus als Podiumsteilnehmer zu Blockchain vor etwa 80+ Teilnehmern (wie ich denke alle aus der Energieszene und viele StartUps) eingeladen. Besondere Aufmerksamkeit erregte an diesem Abend die Pressemitteilung der Stadtwerke Energie Verbund GmbH (Kamen) im Verbund mit blog.stromhaltig und weiteren Partnern. Die Stadtwerke nutzen ab sofort eine den physikalischen Gegebenheiten im regionalen Netz angepasste Grünstromkennzeichnung „GrünStromJetons“ basierend auf einer offenen Ethereum-Blockchain.

Ethereum ist dabei sehr grob gesagt eine Blockchain, die von einer Stiftung betrieben wird und am ehesten mit dem Internetprotokoll TCP/IP oder abgewandelt mit dem Linuxbetriebssystem verglichen werden kann. Sie ermöglicht eine Anwendung und den Betrieb der Blockchain sowie aktive Mitarbeit in verschiedenen Rollen. Ethereum nennt sich auch „der Weltcomputer“ denn Ziel ist u.a. auf Millionen von Computern weltweit die notwendigen Rechenvorgänge für den Betrieb laufen zu lassen. Das sog. Mining, bei dem alle, die mit ihrer Rechenleistung mitmachen, vom System entweder in Kryptowährung oder anderen Vorteilen in der Community belohnt werden.

Die Pressemeldung verkündet somit eine der ersten kommerziellen Anwendungen einer „echten“ Blockchain. Auch wird mit dem Projekt die aus meiner Sicht dringend notwendige Zusammenführung von Stromhandel und Physik vorgenommen, denn da es keine Kupferplatte gibt, müssen gerade die dezentralen Erzeuger auch physikalisch eindeutig mit den Verbrauchern verknüpft werden. Die heutigen Bilanzkreise sind dafür nicht oder nur unzureichend geeignet. Die Jetons sind neben ihrer Visualisierung von „Grünen“ und „Grauem“ Strom hierfür ein Anfang.

Was ist aber eine „echte Blockchain“? Für mich entwickelt die Blockchain- Technik ihre voll Wirkung nur dann, wenn sie vollkommen transparent, also in alle ihren Einträgen, Vorgängen und hinterlegten Verträgen (Smart Contracts) offen ist. Und wenn ihre Daten dezentral prozessiert werden und nicht auf einem Server im Verborgenen liegen. So kann man bei den GrünStromJetons jederzeit in den „Maschinenraum“ schauen und findet: Grün und Grau

Dies war bisher nicht nur in der Energiewirtschaft undenkbar, ist aber ein Grundprinzip einer „echten“ Blockchain.

Kommt nun sehr bald eine Blockchain-Energiegenossenschaft? Glaubt man dem Macher von blog.stromhaltig Thorsten Zoerner, dann dürften wir sehr bald eine solche „Community“ sehen. Alle Mitmacher sind darin registrierte legale Stromanbieter und können gleichzeitig Konsumenten sein - basierend auf echter Blockchain und in der Welt eine Strom- DAO (Dezentrale Autonome Organisation) mehr dazu hier.

Auf geht's?!

Öffentlich, verschüsselt, zugänglich & dezentral = The trust machine „The trust machine“- die Vertrauensmaschine, so nannte die renommierte Zeitung „The Economist“ die Blockchain Technik. Und genau das kann sie sein, wenn sie eben öffentlich einsehbar ist und dezentral auf irgendwann vielleicht sogar Millionen von Computern verarbeitet wird. Denn nur dann sind die Blocks nachvollziehbar und können nur mit den vorher hinterlegten Verträgen verändert werden. Die Rechenarbeit erbringen viele private Nutzer, die entweder Teile der Nutzung sind (z.B. eine Energiegenossenschaft) oder dafür eben z.B. in einer Krytowährung (die bekannteste ist Bitcoin) bezahlt werden.

Warum sind nichtöffentliche Blockchains keine Revolution?

Ich habe mich in der Beschäftigung mit dem Thema in den letzten Monaten oft gefragt, warum so viel von einer Revolution reden und gleichzeitig die meisten Nachrichten von Unternehmen Blockchain nur als Effizienzanwendung sehen. Oder böse Zungen sagen, dass klassische Energieversorger das System intern einsetzen, um das Misstrauen von Erzeugung, Transport und Vertrieb untereinander zu begrenzen und auch ggf. Bilanzkreise intern transparenter abzuwickeln. Warum auch nicht?

Aber dann habe ich mich gefragt, was nun bei näherem Hinsehen so besonders ist an dem gehypten Blockchain Thema „Brooklyn Mirco Grid“. Wir wollten in Berlin einige Balkonsolaranlagen mit einem Gewerbehof nebenan verknüpfen, was ja locker auch ohne Blockchain geht. Auch andere Kollegen haben sich das gefragt und nun: Man hat halt einen interne Blockchain genutzt um den Stromaustausch unter Nachbarn in Brooklyn abzuwickeln. Nun ja, das kann man auch anders mit einem Server im Büro machen. Transparenz? Leider Fehlanzeige. So ist das Ganze aus meiner Sicht ein gelungener Marketingauftritt, der die vollen Fähigkeiten einer „echten“ Blockchain-Anwendung nicht nutzt: Sie ist nicht transparent. Damit können die Macher eben nicht von „The trust machine“ profitieren. Mal sehen, was die Brooklyner da weiter daraus machen.

Ein schönes Interview dazu mit dem Jeton-Macher Thorsten Zoerner u.a. zu Brooklyn gibt es hier.

Wieso sind öffentliche Blockchains gerade für junge Firmen sehr gut? Nun, in der normalen Welt erwirbt man Vertrauen über lange Zeit oder viel Werbung. Man weiß ja nicht, wem man da seine Smart Meter Daten überlässt, wenn man mit einem jungen Unternehmen aus dem Strombereich zusammenarbeitet. Mit einer „echten“ Blockchain ist das sofort anders. Alle Vorgänge sind offen, während man selbst sehr anonym bleiben kann (notfalls auch komplett verschlüsselt alle Vorgänge einleitet). Die dezentral bearbeiteten Blocks können nicht verändert werden, ohne dass dies alle sehen. Dem System sind zudem so enge Regeln gesetzt, dass auch ein Missbrauch kaum Chancen hat, wirklich Profit zu bringen. Dafür müsste zu viel Rechenleistung „überrannt“ werden und müssten auch noch andere Betreiber in der Blockchain-Welt mitspielen. Ich möchte daher auch alle anderen Energy-Start-ups ermutigen eine echte Blockchain offen einzusetzen. Die im verborgenen arbeitende Version ist nicht wirklich revolutionär und bringt gerade jungen Firmen daher außer der Nutzung des Hype-Begriffs Blockchain nichts.

Was ist mit der 132 Mio. schweren Investment DAO geworden? Ich möchte auf meine beiden vorherigen Blogs zum Thema Blockchain und unseren Blockchain Tag im Mai 2016 verweisen, denn gerade auch die DAO mit dem quasi sofort erfolgtem Hackerangriff hat viele Erkenntnisse gebracht. Lesen Sie dazu meine Blogartikel 132 Mio Dollar ab jetzt überall und nirgendwo - Blockchain macht's möglich und 50 Millionen Dollar überall und nirgends den Hackern entrissen – die DAO übersteht die erste harte Bewährungsprobe.

Wie ist es nun weitergegangen mit der DAO?

Es gibt nun zwei Ethereum Blockchains rund um die DAO und auch zwei Ether-Kryptowährungen. Die Hacker sind mit ihrem Geld in der Ethereum Classic noch immer gefangen, da keine dritte Partei bislang das Geld umgetauscht hat oder es auch nur angenommen hätte. Das Ganze wird gut in diesen Blogs beschrieben: Nachspiel zum DAO Hack und Etherum und Etherum-Klassik koexistieren. Ist das Ganze nun ein Beispiel für ein krachendes Scheitern der Blockchain Ideen oder auch der mit der Investment DAO verbundenen Ideen wie diverse klassische Medien unken? Ich meine nein. Für mich ist es faszinierend: Nun ist zu sehen, was aus diesem „frühen Scheitern“ bzw. früh aufgetauchten massiven Problemen auch mit der Philosophie zu den „Smart Contract“ zu lernen ist. Das ist, glaube ich, unermesslich und wird diese junge und falls offen genutzte Technik weiter beschleunigen. Denn weder Bitcoin noch die Technik Blockchain sind auch nur annährend tot. Sie zu entwickeln ist und wird es mehr Ethereums, mehr DAOs aller Art und noch viel mehr Kryptowährungen geben. Siehe auch den Blog Etherum und Etherum-Klassik koexistieren.

Karl-Heinz Remmers
11. Oct 2016