2019 schaffen WIR das EEG ab

Erinnern wir uns kurz an die Hasskampagne mit dem Stromteufel aus 2012 und nehmen mal eine andere Perspektive ein: Die deutsche Solarbranche ist stärker denn je. Laut (IEA) ist sie trotz der absurden EEG-Größenbeschränkungen in der Lage, die weltweit billigsten Solarstromanlagen zu bauen. Viele Anlagen haben eine hohe Qualität und die Branche ist sehr innovativ. Mehr als genug Kraft, um selbst alte Denkmuster in Frage zu stellen und so neue Partner zu gewinnen.

Das Bild der Hasskampagne der „Initiative Neue (A-)Soziale Marktwirtschaft“ mit dem „Stromteufel“, gemeint war das EEG, war im Herbst 2012 in ganz Berlin Mitte und einigen Zeitungen extrem präsent. Eine sogenannte „Impact Campaign“ die vor allem im Berliner Mikrokosmos für Aufsehen sorgte um das EEG abzuschaffen- der alte Artikel auf Telepolis hier springt noch einmal zurück nach 2012 als eine kWh Solarstrom noch 24 Cent kostete und man für den seit 2014 aus den eigenen Reihen dann verteufelten Eigenverbrauch noch eine Förderung bekam: https://www.heise.de/tp/news/Den-Teufel-auf-den-Boden-malen-1995761.html

Kaum zu glauben das Ende 2018 dann ausgerechnet der BDI im Vorfeld der Weltklimakonferenz in Polen mehr Anstrengungen für den Klimaschutz forderte. Also schaffen zur Abwechslung mal WIR das EEG ab, oder? Meinen doch die EEG Gegner, bis auf ganz wenige Extreme, damit ohnehin „nur“ die Abschaffung der parlamentarisch festgelegten Vergütung. Aus deren Sicht ist alles ok mit der Energiewende, wenn es nur im Wettbewerb oder im System stattfindet. Und aus unserer Sicht muss das mittlerweile völlig überfrachtete System von Gesetzen in raschen Schritten auf die Neue Energiewelt umgestellt werden. Und aus dem „Dauerkrieg“ um vergütungstechnische Details ein Treiber für den Umbau entstehen, derzeit wohl am einfachsten eine Art CO2- Mindestpreis und diskriminierungsfreie Markt& Netzzugänge für alle. Bis dahin können wir viel dafür tun bestehende ideologische Barrieren abzubauen um so die Prozesse zu beschleunigen.

In vielen Ländern der EU ist der Solarstrom auf „Generation Parity“. Das heißt, seine Erlöse an den (fossil/ nuklear verzerrten) Börsen sind höher als seine Erzeugungskosten. Das vor 10 Jahren gesetzte Ziel der „Grid parity“ (Preisgleichheit mit dem Strom aus dem Netz), ist schon lange erreicht und überholt. In 2018 sind zudem EU-weit die Strompreise wegen der Beschaffungskosten fossiler Energieträger und CO2- Preisen massiv angestiegen und haben damit den Raum für einen direkten Verkauf von Solarstrom aufgerissen - viel schneller und früher als von allen erwartet.

Aus der einen „Fördersäule“ der EEG-Welt sind in der EU drei Säulen erwachsen: Der Eigenverbrauch, die klassische EEG-Förderung (im Gro nun Ausschreibungen) und die PPA als direkte Stromlieferverträge oder der direkte Verkauf von Solarstrom an den Börsen. Zu den PPA veranstalten wir mit Conexio am 26.2.2019 in Berlin einen Tagesworkshop: https://www.forum-neue-energiewelt.de/neuer-player-ppa.html?utm_source=Blog&utm_medium=KH

Man könnte die Solarmärkte auch in ein Verbrauchersegment (z.B. Kauf von Speicher und Anlagen auch ohne Wirtschaftlichkeit) und ein Profisegment (Strom als Produkt) unterteilen, oder auch zwischen „verbrauchsnaher Erzeugung/ Gebäude“ und „Kraftwerken“ unterscheiden.

Egal, wie man die Unterscheidungen legt, es gibt diese Segmente, und sie wachsen alle in der EU. So erzählte mir letzte Woche eine Freundin unserer Familie, dass bei ihr in Berlin-Marzahn immer mehr Nachbarn „Balkon- Solar“ machen. Das sichtbarste Zeichen für den solaren Ausbau im Verbrauchersegment, ungefördert und trotz hoher spezifischer Kosten pro kWp für die Verbraucher von steigendem Interesse.

Die Branche hat sich quasi selbst überholt – vom Wattbereich bis zum Gigawattbereich. Und das kommt nun 2019 mit Macht im deutschen Markt an.

Eher in Tagen oder Wochen als in Monaten zählt nun auch die Zeit, bis eine Gruppe von Unternehmen die großvolumige Realisierung von Solaranlagen ohne weitere Subventionen in Deutschland ankündigen wird – ich darf schon mal verraten, dass zu den Unternehmen ganz kleine und ganz große zählen.

Noch im ersten Halbjahr 2019 werden aus den o.g. Gruppen diverse mittelgroße und große Anlagen vermeldet werden, die keine EEG Vergütung in Anspruch nehmen, sondern ihren Strom direkt an Endkunden verkaufen. Oder „täglich frisch“ an der Strombörse vermarkten werden.

PPA (Power Purchase Agreements) oder „Strombezugsverträge“ sind die Schlagworte. Sie treten in immer größeren Mengen neben Anlagen, bei denen Unternehmen z.B. neben ihrem Firmengebäude auf der Wiese ohne Förderung Anlagen betreiben. So wie es z.B. VIESSMANN 2018 meldete, die für den eigenen Solarstrom EEG-Umlage UND parallel für die Anschlussleistung des Netzes zahlen, absurder geht es nicht mehr. Diese Unternehmen bringen den nachdrücklichen Beweis, wie günstig Solarstrom sein kann, wenn man ihn ohne die absurden Flächen-, Zeit- und Größenfesseln des EEG umsetzen kann. Und das trotz der weiteren Subventionierung der fossil/nuklearen Energien und des völligen Politikversagens bei der Anpassung von Rahmenbedingungen im Energiewirtschaftsgesetz, etc.

Wie auf der ganzen Welt werden auch in der EU die PPA ab 2019 wie eine Welle die bestehenden Förderregime ergänzen oder dort, wo diese nicht gut wirken, einfach auch direkt ersetzen. Die 170 MWp Anlage „Don Rodrigo“ von BayWa r.e. hat im Dezember 2018 den Anfang gemacht.

Auch bereits im Dezember 2018 ist die erste Megawatt-Dachanlage aus einer Ausschreibung mit für viele „nicht darstellbar niedrigem Zuschlag“ weit unterhalb der aktuellen Festvergütungen fertig geworden. Auf einem hohen Flachdach. In Kürze wird es dazu eine Veröffentlichung geben und ich darf verraten, dass der EPC auch bärenstark in Speichern, Ladeinfrastruktur und genossenschaftlichen Anlagen ist. Er hat, wie viele andere, keine Angst vor dem Umstieg auf Dachausschreibungen- der ist eh unausweichlich.

Die parlamentarisch festgesetzte Vergütung (bis 750 kWp) sinkt mit dem Marktvolumen > 3 GWp/a nun so wie so schnell ab und wird schon ab Sommer 2020 auf dem Niveau des aktuellen (Börsen-) Marktwerts für Solarstrom landen. Sie löst sich also quasi über Nacht selbst auf, wenn sie nicht vorher ohnehin durch den 52 GWp Deckel gestoppt wird. Dieser Deckel gilt wiederum nur für Anlagen, die nicht ausgeschrieben werden, und wäre somit ganz einfach zu beseitigen, wenn man endlich die politischen Realitäten und die eigene Kraft an die Stelle alter Denkmuster stellen würde. Das Ganze parallel begleitet von einem sinnvollen Vorschlag für Anlagen < 40 kWp und den Eigenverbrauch sowie dessen Beitrag zur Erhaltung der Netzinfrastruktur – was die EU sowieso im Sinne der Prosumer vorgibt.

Auch auf Dächern bauen Unternehmen immer öfter eine Solaranlage und zahlen zähneknirschend EEG-Umlage für den eigenen Strom – und das, obwohl sie selbst gar keine Förderung in Anspruch nehmen. Und damit die Brüller von „Entsolidarisierung“ gleich den Mund halten: Diese Firmen zahlen für ihre Netzanschlussleistung unabhängig vom Verbrauchspreis. Und niemand von Geltung stellt sich in der Branche gegen eine Beteiligung an der Infrastruktur, gegen die „Vergewaltigung“ der EEG Grundidee der „verursachergerechten Umlage“ aber sehr wohl. Die geistigen Brandstifter der EEG-Umlage auf eigenverbrauchten Solarstrom haben hier dagegen völlig versagt, denn auch im fünften Jahr, seitdem sie diesen Misthaufen aus Neid eingebracht haben, legen sie keine Gesetzesvorschläge für eine sachgerechte Trennung von Infrastrukturkosten und dem Sinn des EEG vor. Fünf Jahre, in denen wir Solarstrom zur billigsten Energiequelle des Planeten gemacht haben. Beschämend- aber es ist Zeit endlich weiterzukommen.

In den kommenden Monaten wollen wir daher eine Reihe von Vorschlägen zum Umbau des EEG und der vielen weiteren Gesetze zu einem neuen Energierecht formulieren. Wohl wissend, dass die Umsetzung sicher viele Jahre dauern wird. Denn mehr denn je hindern vollkommen veraltete Regeln und fehlende (Netzkosten-) Transparenz und nicht die Fördermittel einen schnelleren Ausbau der Erneuerbaren. Also wer anders als eine selbstbewusste starke Solarbranche sollte dies mit Kraft einbringen?

Veranstaltungshinweis: PPA als neue Säule im Ausbau der Erneuerbaren Energien am 26.02.2019 in Berlin-Mitte Tickets: https://www.forum-neue-energiewelt.de/tickets.html?utm_source=Blog&utm_medium=KH

Karl-Heinz Remmers
21. Jan 2019