Auf ein Wort… (Editorial September 2011)
Liebe Leserinnen und Leser,
schenkt man der deutschen Presselandschaft Glauben, rückt der „Tag des Untergangs“ für die Photovoltaik-Branche näher. Begleitet wird die mediale Negativwelle „notorischer Kaputtschreiber“ von schlechten Unternehmensdaten in Serie. Und dies wird vermutlich in nächster Zeit nicht abreißen, denn nahezu alle Teilmärkte für Solarenergie befinden sich im Umbruch. Umbruch heißt aber nicht Einbruch. Natürlich bedeutet ein bereits für 2011 absehbares internationales Nullwachstum nach Jahren mit Wachstumsraten über 100 Prozent in jedem Markt Umwälzung. Diese Phase wird aber mit weiteren internationalen Wachstumsschüben auch wieder enden. Derzeit stellt der Umbruch allerdings nahezu alle Beteiligten vor extreme Anpassungsaufgaben.
Sicher, ein Boom kann nicht für immer anhalten. Und für alle, die schon länger in dieser schnelllebigen Branche agieren, ist es bereits das fünfte oder sechste Mal binnen 20 Jahren, dass es eben mal wieder seitwärts geht. Prozentual gab es schon schlimmere Umbrüche, aber das Volumen hat sich in den letzten Jahren massiv erhöht. Einbrüche in gleich mehreren europäischen Märkten (oder das schiere Verschwinden eines Marktes wie in Tschechien) gab es bisher noch nicht. Der Umbruch von neuen Märkten mit hohen Einspeisevergütungen hin zu geringeren Vergütungen mit dem nun klar erkennbaren Ziel „freitragender Markt“ führt zu massiven regionalen Verschiebungen der Märkte und damit natürlich auch zu Verschiebungen in der gesamten Wertschöpfungskette.
Betrachtet man die einzelnen Segmente, gibt es ein klar differenziertes Bild. Blickt man auf das Gros der Arbeitsplätze in der deutschen und europäischen Photovoltaikbranche, so sind in Handwerk und Handel, im Maschinenbau sowie bei Planern, in der Forschung und auch im immer bedeutender werdenden Sektor Leistungselektronik (Unternehmen wie SMA, KACO, Fronius, Siemens, Schneider Elektrik, …) Umsätze und Arbeitsplatzangebot zum Teil erheblichen Schwankungen unterworfen. Die breite Masse dieser Betriebe ist allerdings national wie auch international sehr gut aufgestellt.
Richtet man den Blick auf die Herstellung von Solarmodulen oder Vorprodukten, wird die mediale Berichterstattung sehr einseitig. „Alles geht nach China“, so lautet der Tenor. Vielen Firmen wird ihr vermeintliches Ende bereits heute prophezeit. Individuelles Managementversagen in einzelnen Unternehmen wird einer ganzen Branche angelastet. Die Suche nach Chancen in schnell wachsenden Märkten wird als „halsbrecherisch“ und „fahrlässig“ bezeichnet. Aber es ist nicht fahrlässig, in schnell wachsenden Märkten Risiken einzugehen, um schnell zu wachsen. Es ist schlichtweg zu begrüßen. Und es muss klar sein, dass zum Risiko auch der Verlust einzelner Akteure gehört. Das bedeutet aber nicht, dass die gesamte Branche dem Untergang geweiht ist. So haben diverse deutsche Modul-/Zell-/Waferhersteller (u.a. Solarworld, Centrosolar, Aleo , …) trotz Rückgängen für die Marktphase durchaus passable Zahlen vorgelegt. Über den finanziellen Erfolg von Unternehmen wie Wacker Chemie (Silizium) braucht man nicht zu sprechen – er ist nach wie vor da. Der Markt ist schnell und verändert sich durch Innovationen in bisher nicht erwartete Richtungen. So hat beispielsweise die Firma Solar Frontier eine Dünnschichtfertigung mit Gigawattkapazitäten im Hochlohnland Japan (und eben nicht in China) errichtet. Dies bedeutete Investitionen von rund einer Milliarde Dollar und viele Jahre der Vorentwicklung bei minimalen Umsätzen. Solche Prozesse sorgen derzeit für gehörige Diskussionen im Markt.
„Q-Cells ist tot“, behaupten zur gleichen Zeit böse Zungen in Deutschland. Ich frage mich ernsthaft, was dieser Unsinn soll, denn noch ist Q-Cells eben nicht tot. Und kaputtschreiben ist einfach und gleichzeitig unangemessen. Über die Fehler von Q-Cells und des Managements wurde und wird richtigerweise laut diskutiert, über die Chancen des Unternehmens allerdings nicht. Und das, obwohl gerade Q-Cells neben diversen technischen Errungenschaften in der kristallinen Zellfertigung und einer anständigen Projektpipeline zudem mit ihrer Dünnschichtfertigung Solibro dazu beigetragen hat, eine funktionierende Technik zur Marktreife zu bringen.
Hier wird nun, wie auch bei den Vorläufern von Solar Frontier, die auf eine ähnliche Technik setzen, der nächste multimillionenschwere Schritt zur Industrialisierung fällig. Dabei sollte es, vor dem Hintergrund nachhaltiger Industriepolitik und auch der bereits eingesetzten Mittel, nicht nur im nationalen Interesse sein, hier genauer hinzusehen. Es wäre für langfristig und strategisch denkende Unternehmen auch von Vorteil, diese Technologie im Auge zu behalten. Dann wäre es ohne Frage möglich, bei „halsbrecherischem“ Wachstum durch Innovationssprünge rasch nach vorn zu drängen – und zwar nicht irgendwo, sondern am Standort Deutschland. Denn bei den weiteren Entwicklungsschritten der Zell- und Modulfertigung zählt nicht billige Handarbeit sondern technische Innovation und langfristig agierendes Kapital.
Ich will mit diesem Beispiel weder Q-Cells noch Solar Frontier hochjubeln oder eine Lanze für ein einzelnes Unternehmen brechen. Es geht vielmehr darum, den Blick weg vom selbsterfüllenden Untergangsgeschrei hin zu einer sachlichen Bewertung zu wenden – und dies branchenweit. Denn diese Betrachtung kann, wie das Beispiel aus Japan zeigt, plötzlich scheinbar unabwendbare Gegebenheiten in einer Technikbranche komplett ändern. Dies hat auch schon die schnelllebige Kommunikationstechnik mit PCs, Smartphones und den bis vor wenigen Jahren populären PDAs (Palm, usw.) gezeigt. Palm gibt es nicht mehr und die PDAs stehen im Museum. Wenige Jahre top, heute weg. Und andere Unternehmen wie Apple (wurde in den 1990er Jahren auch schon totgesagt) oder Samsung (waren in den 1990iger Jahren der „billige Jakob“) haben den Platz des Handy-Marktführers Nokia mit vollkommen anderen Geräten eingenommen.
Vor diesem Hintergrund möchte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, auffordern, trotz der vielen aktuellen Negativmeldungen bestehende Chancen nicht aus den Augen zu verlieren. Und vor allem nicht, dass wir noch vor drei Jahren auch in Deutschland von den heutigen Marktvolumina nur geträumt haben.
Ihr Karl-Heinz Remmers

